Freitag, 2. März 2018

Die Geschichte von der Knochenfrau....


Als wir an diesem Ort vorbeifuhren wusste ich nichts von ihm, rein gar nichts. Ich sah von der Strasse verträumt aus dem Fenster des Autos und da war er, langsam rauschte der Hügel an mir vorbei. Auf ihm sah ich Steine, schiefe, alte Steine. Waren das Grabsteine? Ich drehte mich um, wollte mit meinen Augen nochmals dort zurück, aber wir waren schon weitergefahren. Warum war mir dieser Ort nicht schon viel früher aufgefallen.


Dann, auf dem Rückweg bat ich meinen Mann in diese kleine Straße am Rande des Hügels einzubiegen. Er fragte erst gar nicht, er kennt das schon, hat schon oft erlebt, dass mich etwas ruft und am Ende des Weges finden sich steine, Hügelgräber, alte Ruinen und Höhlen.
 
Keine Möglichkeit zu parken weit und breit, so stieg ich alleine aus und ging  den kleinen Weg Richtung Hügel hinauf.

Am Wegesrand , hinter einem Zaun, kläffte ein Hund, niemand reagierte und ich betrat den Trampelpfad hinauf. Schon von weitem sah ich das Geschwungene Tor, groß sah ich das Salomonssiegel, den David Stern, darauf und sofort wusste ich, dass ich Grabsteine gesehen hatte. 
Ein Jüdischer Friedhof. Bevor ich mich so richtig darüber wundern konnte hatte ich auch schon die Klinke des Tores heruntergedrückt und siehe da, das Tor war auf!

Ich erinnerte mich, wie ich als Kind immer zu dem alten Jüdischen Friedhof in unsere Nähe ging, in der Hoffnung, das er irgendwann einmal geöffnet wäre. Ich konnte immer nur durch das geschlossene Tor sehen und ich fand es sehr spannend und mystisch. Eigentlich ziehen mich aber Friedhöfe so gar nicht an, obwohl sicher so mancher alte Grabstein etwas zu erzählen hätte. Heute aber weiß ich, dass es etwas mit meiner Familiengeschichte zu tun hat, ganz sicher sogar. Vieles ergibt eben erst viel später einen Sinn, was man früher als unsinnig erachtet, wenn man jung ist.

Nun, ich stand dann auf diesem Friedhof auf dem Hügel und war fasziniert von seiner Aura. Den ältesten Grabstein, den ich finden konnte, datierte auf 1711 und zwei Uralte Eichen rahmten dieses abgelegene Areal ein. Kein Mensch weit und breit. Von diesem Friedhof lassen die Seelen sich sicher sehr leicht abholen, kam mir wie eine fremde Stimme in den Sinn. Wie ein großes uraltes Hügelgrab thront er inmitten der flachen, ja fast schon tiefen Landschaft. Eine einfach zauberhafte Aussicht und ein fabelhabt stiller Ort. 

Dann sehe ich sie, sie taucht hinter einem der Grabsteine auf. Die Alte Ahnfrau. Ich stehe wie angewurzelt da, bewege mich nicht und kann nur auf diese Knochenbleiche, dürre Gestalt schauen, die auf mich zu kommt. 

Ich überwinde mich und frage sie leise, was sie hier tut, wer sie ist und sie erzählt, das sie von den vielen Steinen lebt, die hier liegen. 

Sie bettet damit die Toten um,  aus ihrem Staub formt sie ihre  Töpfe für die Neuen Seelen , um sie darin zu betten. Wärend sie auf die Bank unter der alten Eiche mit ihren knorrigen Händen zeigt, klappern ihre Knochen im Wind. Ich setze mich, denn meine Knie werden weich. 

Sie erzählt mir, dass sie immer auf die Fährfrau wartet, um die Toten über den Fluss des Lebens zu geleiten. Ins Reich der Hel. Und das sie auf Frauen wartet, die hier vorbeikommen und sie sehen können. Fragend sehe ich sie an und ihr Kiefer klappert wärend sie weiter flüstert: 

Mich sehen nur Frauen, die die rohen Muster des Landes sehen, die Färtenfinder sind. Die die anders sehen, wie du, die die ihren Geruchsinn, ihre Melodie und ihren Klang nutzen, um die alten Wege zu finden. 
Du wanderst durch eine Landschaft, die es schon lange nicht mehr gibt, du rutscht ab und zu aus deiner Zeit. Eine Fährfrau, die andere herüberbringt, aber nicht in den Tot, sondern zwischen die Welten des Lebens. Deswegen siehst du mich. Du kannst den Gesang und die Stimmen der Toten und deren Steine hören, sie haben dich hierhergeführt, zu mir….


Das Erscheinen der Ahnfrau war erschreckend für mich, wie im Schock saß ich da, auf der Bank, vor mir diese Gestalt, dessen hohle Knochen knarrten. Ihre Augen blickten schelmisch wärend sie mir weiter erzählte:

Ich singe, wenn ich die Steine auf den Gräbern der Toten neu sortiere und den ein oder anderen für meinen Topf hernehme. Ich singe das Lied der Jahre, des Lebens. Meine Stimme ist alt und knorrig wie ein alter Baum und meine Lieder sind nur für die Toten bestimmt. Manch ein Knochen wird zu Stein…

In ihren Nachtgrauen Augen blitze es auf, es war wie ein kleiner Lebens Hauch, der aber ganz schnell wieder verschwindet. Kurz drehte sie ihren Kopf und teilte mir im drehen ihres Knochenkörpers mit, sie müsse jetzt wieder gehen. Einen Liedschlag später ist sie verschwunden und mit ihr auch die Kälte. 

Das vermeintliche Dämmerlicht wich den Sonnenstrahlen des Nachmittags und ich hörte die Vögel über mir zwitschern. Ja, sie waren verstummt, nur die Knochenfrau, der Wind, die Kälte waren da. Und jetzt war es, als hätte es sie nie gegeben.

Eigentlich wollte ich noch bleiben, aber wie in Trance wanderte ich die paar Schritte zum Tor und als es hinter mit ins Schloss viel, war es mir, als hätte ich nur eine alte Tante besucht. 
Hinter mit flüsterte es: komm bald wieder und bring Steine mit…..