Sonntag, 22. Juni 2014

Mitsommer an der Küste

Es ist windig und gerade einmal 18 Grad, die Sonne kommt nur selten durch die schweren Wolken. Sonnenwende an der Küste, die Zweite. Die Zeit vergeht, wie der Wind hier oben. Unglaublich, das wir nun schon über ein Jahr hier wohnen.
 
Nach Sonnenwende sieht es nicht aus. Wir nehmen uns die Zeit, wandern zwischen Land und Wasser dahin, betrachten die Wasservögel und lauschen ihren Gesängen. Heute ist der längste Tag, die kürzeste Nacht. Es herrscht skandinavisches Wetter und wie wir so die Landschaft betrachten, könnte man tatsächlich annehmen, irgendwo in England oder Schottland zu sein, nicht nur des Wetters wegen.

Aber es regnet nicht und so genießen wir die Menschenleere und den nahenden Sonnenuntergang. Kein Ritual- keine Anrufung. Einfach da sein, einfach hören, sehen und hinein spüren. 

Sich verbunden fühlen mit dem Wasser und dem Land.
Es ist zulaufendes Wasser, die Wellen schwappen an das Ufer und singen dabei scheinbar ein Lied. Am liebsten möchte ich mich hier hinsetzen und zu hören aber der Wind ist heute zu mächtig und lässt es nicht zu.


Im nächsten Jahr werde ich wieder mit einer Gruppe feiern, das weiß ich. Ich kann warten, Geduld war immer einer meiner Stärksten Verbündeten und das Vertrauen in die Göttin. Ich schmecke das Salz auf meinen Lippen und denke, die Göttin verzeiht, wenn ich heute kein großes "Tam Tam " veranstalte. 

Und so wandern wir weiter am Ufer entlang, hier haben vor langer Zeit Menschen dem Meer das Salz abgerungen und schon damals die Landschaft drastisch verändert, so stark, das im Laufe der Zeit, zum Teil dadurch der Jadebusen entstand. Nicht durch Sturmflut, wie ich jetzt erst gelernt  habe, sondern durch Jahrhunderte langen Abbau von Meeresboden. So öffnete man dem Wasser die Möglichkeit sich das Land zu holen. An einem dieser Orte, stehen wir gerade.
 
Butjadingen ist immer wieder neu bevölkert worden. Nicht vom Land her, sondern vom Wasser aus. Es lag durch Wasser und Moore abgeschnitten und Zugang war nur durch das Meer möglich. Seuchen und Katastrophen ließen immer wieder die Menschen hier sterben. Hunger litten sie nie, der Boden war immer fruchtbar.
So gibt es hier keine „Urbevölkerung“ und diese kleine Halbinsel, die mal eine Insel war, blieb immer Besonders.

Schräg, ganz weit am Horizont sehe ich Wilhelmshaven. Großstadt, Militärstadt, Hafenstadt. Nie wieder kann ich in einer Stadt leben, das wird mir bewusst. Trotz aller Mühe und Last, trotz aller Angst und der vielen Arbeit….wir bereuen nichts. 

Dankbarkeit macht sich breit, wir schauen uns an, küssen uns, gehen weiter Hand in Hand am Wasser entlang. Erfreuen uns dem Klang der Wellen und den Stimmen der Wasservögel….
 
Ich mache ein paar Fotos, mein Mann geht weiter und ich bleibe ein wenig zurück. Lausche dem Wind und höre plötzlich im Klang von Meer-Wellen und dem singend es Windes ihre Botschaft:

„ es spielt keine Rolle, ob du hier geboren bist…
aber es spielt eine Rolle, wie verbunden du dich mit diesem Land  fühlst…
manch einer ist hier geboren und dennoch nie zu Hause…
Dein Herz gehört dem Wasser, gehört mir.
…du bist Teil , weil du das alles  liebst!
Eine ehrliche und aufrichtige Liebe.
Mit Herz und Seele.
Sei Willkommen Tochter des Meeres…!

Ich verneige mich vor dem Meer, bin ganz beseelt und vergieße ein paar Tränen. Erschrecke als mein Mann mich umarmt. *wunder-volles Land* Erfüllt mit einer unendlichen Dankbarkeit machen wir uns auf den Weg zurück.

Zuhause gibt es dann warmen Kakao und ein schönes Abendessen. Die Altarkerzen werden entzündet und das Räucherwerk brennt in der Schale. Danach wende ich mich meinen Seifen zu und arbeite noch bis spät an den Mitsommerseifen mit Kamille und Fenchel.

Kommentare:

  1. Dir auch ein schönes Litha - wie immer ergreifend und liebevoll geschrieben.

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  2. Oh..ja das stimmt! Ich bin in den Bergen geboren und habe mich nie zu Hause gefühlt...ja, dort sind wir zuhause, wo das Herz ist, wo wir die Geschichten kennen und die Mythen weiter geben können. Wir schützen das was wir Lieben! Wunderschön geschrieben , meine Liebe! Und: Grüße Sedna von mir, du bist warhlich ihre Tochter!

    Ich sende Dir meine Guten Wünsche
    Maria

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  3. Hej, es ist irgendwie seltsam einer weiteren "Küstenhexe" von wo anders zu begegnen.. ich finde es schön das du allem so ein Staunen entgegen bringst.. ich verdiene mein Geld damit Salzwiesenpflanzen zu verarbeiten, Leute dort rumzuführen etc und habe gestern noch geschimpft das es manchmal nervt dabei Tideabhängig zu sein.. aber trotzdem ist es der schönste Job der Welt.. wer kann sich schon beim Arbeiten mit Austernfischen und Brandseeschwalben unterhalten..

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    1. Oh...wie schön! Aber sag mal; die Pflanzen in den Salzwiesen stehen unter Naturschutz und dürfen jedenfalls hier im Nationalpark NICHT gesammelt werden...??! Gibt es da Ausnahmen von der Regel??! ...Und staunen ist doch sooooo wichtig:)) Liebe grüße von Küste zu Küste:)

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