Dienstag, 17. Dezember 2013

Mondgang

Die Mondin strahlt hell vom Himmel, ein paar Wolkenfetzen ziehen vorbei. Weise wirft sie ihr fahles Licht auf die Felder rings um her. Ihr Spiegelbild findet sich in den Zuggräben und Teichen rund um den Hof wieder. Ein leichter Wind weht vom Meer herüber.



Meinen Weg gehe ich, alleine und ohne Taschenlampe. Stille herrscht nicht, denn leise höre ich die Nachtgreifer schreien, Eulen und Käuzchen  rufen. Ab und zu erschrecke ich mich, weil etwas neben mir ins Wasser plumpst,  ich scheine  gestört zu haben. 
Jetzt im Licht der fast vollen Mondmutter, scheint die Weite noch weiter zu sein, die Lichter der Weihnachtlich geschmückten Höfe noch entfernter. 

Die Siele und Gräben noch tiefer und noch schwärzer zu sein. Im Mondlicht verändert alles seine Energien .Umrisse verschwimmen im leichten Dunst der Wassergräben rund um mich.
 
Ich las vor kurzem in Luisa Francias Tagebuch einen bezeichnenden Satz: „…Deutschland wird zugebaut…“schrieb sie. 
Dieser Satz streift mir gerade durchs Hirn, als ich über die Weite Ebene blicke.

Umso dankbarer bin ich, dass ich diese Weite erleben darf, unmittelbar und elementar. Bin mir bewusst, welches Geschenk das ist, hier zu wohnen, um von den Geistern zu lernen. Um sie verstehen zu können, von ihnen zu lernen,  muss man mit und bei ihnen leben ...fährt es mir wieder durch die Sinne.



Ich bin froh den Weg der Alten Hexen für mich aufgenommen zu haben, diese Frauen mussten gefunden werden, schließlich lebenden sie auch damals schon Abgeschieden. Ohne Grund taten sie es sicherlich nicht.  

Nun, in der modernen medialen Welt ist es ein leichtes, jemanden ausfindig zu machen aber ob man den Weg zu demjenigen dann auch auf sich nimmt, verlangt vielleicht dem ein oder anderen dann doch etwas ab. 

Meine Gedanken kommen und gehen, fliegen dahin.
Immer wieder verweile ich am Wegesrand, lauschend , sinnend, schauend..

Das Reitgras ragt hoch neben mir auf, der Wind spielt damit. Es raschelt, als hätte es mir etwas zu erzählen. Ich stelle mir vor, wie ein Zwerg darin  schaukelt um auf sich aufmerksam zu machen und muss lachen.




Ab und zu steigt ein Vogel vor mir in die Lüfte, zu nahe gehe ich an seinem Nachtquartier vorbei. Die alten Kopfweiden sehen aus, wie Geister mit langen Armen, mystisch erleuchtet durch Mutter Mond. Ihre Hohlen Stämme wirken düster auf mich, bergen allerlei Getier, wie Fledermäuse, große Kröten oder auch Marder.

An so einem Abend muss der Erlkönig entstanden sein.
Hier in diesem Moment, würde es mich nicht wundern, wenn plötzlich ein Naturgeist oder die Alte selbst vor mir stünde. Alles scheint möglich, die moderne Welt, Kilometer von mir entfernt.

Immer wieder finde ich Fotomotive, spiegelt sich das Mondlicht, kommen die Sterne hervor. Nie habe ich vorher so klar gesehen, wie hier an der Küste! Wahre Worte...wieder ein unfreiwilliger Gedankenfetzen...

Der weiße Schleier der Milchstraße ist sichtbar, der Toten Weg auf dem die Ahnen wandern. Kein Auto, nicht einmal das Geräusch davon, durchbricht das singen des Windes und das leise Geplapper der Wasservögel um mich her. Ich sehe sie nicht, aber ihr leises piepen, das vernehme ich deutlich.

An einem Punkt, an dem das Licht des Mondes auf den Weg vor mir fällt, verweile ich. Ganz langsam betrachte ich die menschenleere Umgebung rund um mich. Eine melancholische Stimmung durchströmt mich und ich lasse diese Gedanken zu. Ich kann mich ihrer eh nicht erwehren.

Liedtexte und Melodien schwirren mir durch den Kopf...
ein Text ist so treffend, den ich erst vor kurzem im Radio hörte:



Wir können rennen,

wir dürfen stolpern,

man hat es nicht verloren,

nur weil man es vermisst

...

wir können uns erinnern,

was davon gut gewesen ist...

Wie das stimmt.  Ja, hier verschieben sich Bilder um sich  neu zu formen. Ich beginne zu heilen, denn ich bemerke, wie ich meine guten Erinnerungen erhalte, während die schlechten langsam verblassen. 

Mein Blick richtet sich nach vorne, hier liegen neue Aufgaben vor mir und ich stecke mitten drin...Der Weg ist nicht asphaltiert, manchmal muss ich aufpassen, nicht in ein Loch oder auf einen Stein zu treten. Auf meinen Lippen kann ich das Salz des Meeres schmecken, ansonsten könnte ich auch irgendwo mitten im Moor sein. Selbst ein Wilder Mann mit Pfeil und Bogen hätte in diesem Moment seinen Schrecken verloren,


… hier verschwimmen Welten...

Ab und an schaue ich mich um, habe das Gefühl das jemand hinter mir geht, dies ist aber nicht so, es sind nur meine eigenen Schritte, die auf dem  nassen Marschland knatschen. Aber wer weiß schon, wer da noch so umherwandert und nicht gesehen werden will.

Nicht immer haben wir hier draußen so eine kraftvolle und schöne Energie. Es gibt Abende, da ist es bewölkt oder der Nebel kriecht über das Land. Da scheint es nicht gut, draußen zu wandern. Nicht nur, das es ungemütlich ist, nein, es ist unheimlich. Ich kann es regelrecht fühlen. Dann sind Energien am Werk, die so gar nicht gut sind. Ich schließe dann die Hoftüren, auch Energetisch. Aber bisher kam es nur zwei Mal vor. Und die Zeit der Wintersonnenwende naht.

Aber heute, heute ist es so schön, dass ich fast nicht zum Hof will, der nun wieder näher auf mich zukommt. Der Wind bläst doch schon recht kräftig in mein Gesicht, so dass ich mir den Schal höher binden muss. Wieder bleibe ich stehen, um ein Foto zu machen. Zu sehr fasziniert mich das Wolkenspiel am Himmel und das Leuchten der Mondin im Wasser vor mir. 


Mir wird mit einem mal klar, wie viel dieses Land am Meer mir zu erzählen hat, wie ur- alt es ist. Es ist mühsam dem Wasser entrungen worden. Dennoch uralt und ursprünglich, von Menschen geformt, in Jahrtausenden und dennoch immer wieder vom Wasser zurückerobert worden.
Worauf ich hier mit meinen Füßen  wandere, war vor langer Zeit einmal Meeresboden, vor noch längere Zeit einmal Steppenlandschaft.


Die Erde hier hat den Herzschlag des Meeres  nicht verloren, unter den Füßen kann man ihn fühlen, so stark, wie ich ihn noch nie vorher wahrgenommen habe. Erst seit ich hier wohne und meine Rituale auf dem Boden abhalte, erhalte ich umgehend diese Verbindung zu ihr.



Leise fange ich zu singen an:



Mutter ich fühle Dich zu meinen Füßen,

Mutter lass Dein Herz mich grüßen.

Heja heja Heja Heja Hejoooo

Heje Heja Heja Heja Hjooo



Tanzenden Schrittes wende ich mich dem Hof zu…nach Hause…




Kommentare:

  1. Danke, daß ich dich dorthin ein wenig begleiten durfte...

    Liebe Grüße
    Petra

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