Donnerstag, 26. April 2012

Der Alte Mann...

Oft gehe ich zu Fuß zum Hexenlädchen. Ich habe es nicht weit, der Fußmarsch beträgt etwa 10 Minuten. Regelmäßig kommt mir ein alter Mann entgegen, er schiebt ein Fahrrad  und ein uralter  kleiner schwarzer Hund folgt seinen Schritten sehr langsam. Der alte Mann sieht gepflegt aus, immer adrett gekleidet, er hat silbergraues, dichtes Haar und stahlblaue Augen.  Immer noch ist er groß und ein wenig hager.
Wir begegnen uns  etwa auf halben Weg, jeden Tag. Mittlerweile grüßen wir uns.  

Eines Tages kommt der alte Mann mir nicht entgegen, sondern ich sehe ihn sitzend  auf einer Bank gegenüber dem Spielplatz. Trotz des sonnigen Tages wirkt er traurig und in sich gekehrt. Sein Blick scheint träumerisch zu sein. Ich überlege, ob ich ihn anspreche. Als er Schritte hört, schaut er hoch.

 Ich bleibe stehen, streichle den Hund und plötzlich reden wir über das Wetter, den verdreckten Spielplatz vor uns  und Enkelkinder. Er erzählt mir von seinem Beruf, seiner Frau, die vor ein paar Jahren verstarb.

 Von seiner Tochter, in der Schweiz und seinen drei Enkelkindern. Im Gespräch erwähne ich, wie schön ich es finde, auf so ein Leben schauen zu können, er nickt, sieht dabei aber traurig in die Ferne.  
Ja, er vermisst kaum etwas. Es war ein gutes Leben, sagt er. 

Dann fängt er mir leise von „Ihr „ zu erzählen an. In seinen besten Jahren war er, hatte Frau und Tochter, einen guten Job. Als er sie traf, da bemerkte er erst, dass ihm doch wohl etwas fehlte. Sie war wie ein Blitz, der ihn mitten ins Herz traf. Eine Seelenfreundschaft, Verbundenheit und Verlangen. Was war mit seiner Frau? fragte ich. 

Er schaute mir in die Augen und erwidert, er war ihr nie untreu, nein. Man kann auch zwei Menschen lieben. Seine liebe zu "ihr" war ganz anders, als die zu seiner Frau. Er hat lange gewartet und hoffte ,andere würden für ihn Entscheidungen fällen. 

Ich höre still weiter zu. Er hat sie angehimmelt aber gleichzeitig gehasst, weil er sie viel zu spät im Leben kennenlernte. Sie konnten Tag und Nacht einfach nur reden, erzählt er mir. Sie wusste von Frau und Kind , machte ihm nach kurzer Zeit klar, er müsse sich entscheiden.

Er entschied sich für die Familie. Das Verantwortungsbewusstsein siegte. Eine  Zeit waren sie weiter befreundet, aber er konnte es nicht ertragen, sie um sich zu haben.  Mit vielen ungeklärten Worten gingen sie auseinander und haben sich nie mehr gesehen. 

Jetzt, am Zenit seines Lebens sehnt er sich nach ihr, berichtet er.  Er träumt von ihr. Zermürbt aber hat ihn, das er eine Schuld trägt, die Schuld dass er sie ganz aus den Augen verlohr. Anstatt mit ihr zu reden, erzählte er,  allen ,in seinem Umfeld, wie wenig er sie mochte, verbreitete schlechtes über sie, im Büro und bei denen, die sie beide kannten. Er hatte Angst, jemand könnte  herausfinden, dass er sie liebte.

Die Schuldgefühle, die ihn seither begleiten, er hat sie lange Jahre erfolgreich unterdrücken können, wie die Sehnsucht nach ihr. Jetzt, sei es zu spät für Wiedergutmachung, sagt er. Trotz Skatrunde, Fußballfreunden ist er allein...

Nein, meine ich, nein, es ist nie zu spät. Suchen sie sie, versuchen sie es wenigstens. Denn  ungesagtes, ungeklärtes, bleibt.  Es holt uns immer  wieder ein.  Wenn sie an ein weiteres Leben glauben, dann sollten sie das regeln und alle Möglichkeiten ausschöpfen, was haben sie zu verlieren?! 
Wenn das ihre Sehnsucht ist, dann suchen sie die Frau.


Er schaut mich mit seinen Stahlblauen, fast Jugendlichen Augen an.  „Vielleicht haben sie recht“ sagt er und ein Rabe krächzt über uns. „ Ürbigens, Sie erinnern mich ein wenig an sie..“ meint er noch, während er langsam aufsteht und zu seinem Fahrrad greift.

Ich lächle ihm aufmunternd zu, während ich ihm und seinem Hund lange nachsehe. Ich bleibe gerührt und mit einem Klos im Hals und im Herzen  Minuten auf der Bank gegenüber dem Spielplatz  sitzen und denke nach. Bis die Kirchenglocken mich zum aufstehen bewegen.

Ich habe den alten Mann bis heute nicht wieder getroffen…

Kommentare:

  1. Nein, er sprach weder in Reimen , noch hatte er nur ein Auge...
    falls du auf den anspielst, den ich vermuten würde;))

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  2. hm ......wundervoll und bezaubernd hast du erzählt ...und wer weiss ....Begegnungen haben IMMER irgendetwas auf sich ...glaub ich zumindest;-)

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  3. Ja liebe Paderkroete, da hast du wohl recht. Begegnungen können auch spiegeln oder versteckte Botschaften sein...je nachdem...oder einfach nur eine Begegnung die man nicht mehr vergisst....

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  4. ja ..genau SO meinte ich das ...konnte es nur nicht so treffend ausdrücken:-)

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  5. Wow, ob er vielleicht gefunden hat, was er sucht???
    Wer weiss, was dahinter steckt, vielleicht ein Hinweis an dich...spannend!

    LG Petra

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  6. Ich glaube auch, man begegnet Niemand nur einfach so.

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  7. Die Geschichte von dem"Alten Mann" kenne ich!!!
    Sie hört nie auf!!!Viele Generationen erleben sie schon.
    Heute trifft wieder ein Mensch diese Entscheidung und trägt das schwere Herz mit sich! Auch wenn man meint:Dass könnte mir nieeeeeeeee .................Es gibt soooo viele "Alte Männer"!!!

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  8. Liebe/r Anonym ( ein Name wäre drunter ganz nett;) es hätte auch eine "alte Frau" sein können..oder?!...

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  9. Man/n hat immer die Change auf Wandlung undFrau auch;) .
    Vieleicht hat er die jetzt genutzt...wer weis.....
    Jeder Mensch kann sich ändern und um eine zweite Chance bitten, das wäre doch schön.
    Liebevoll geschriebene Geschichte von Dir, liebe Elster!
    Grüße
    Hartm.l

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  10. ach den hatte ich gar nicht gemeint;) hihi.

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  11. Liebe Elster!
    Ja natürlich könnte es auch eine "alte Frau" sein!Kenne diese Geschichte schon von Mann und Frau!Die Menschen schütten manchmal ihr Herz aus und ich war erstaund wieviele es sind!
    Und nun ganz nett mit Name:)

    lieber Gruß
    Wegwarte(Frau);)

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