Dienstag, 13. Dezember 2011

Das Haus eines Lebens...

..ich öffne die Haustüre und ein etwas abgestandener Geruch steigt mir in die Nase . Kein leben, kein Gerede, kein Lachen…es ist einfach nur Still. Die Dielen knarren unter meinen Füßen, wie ein alter Sargdeckel  und ich fühle mich sofort unwohl. 

Dies ist ein fremdes Haus. Ein Mensch hat hier gewohnt, den ich aber kaum kannte. Ich weiß,ich werde die Schränke  öffnen, Schubladen  inspizieren.  Hier liegt ein ganzes Leben vor meinen Augen, Tischtücher, Bettwäsche, Besteck, Porzellan…

Bald werden  fremde Leute ,vieles von dem hier  kaufen, werden durch dies Haus gehen, denn es sollen bald neue Menschen  hier wohnen. Ein Haus ist da, um es mit lebendigkeit zu füllen....

Das Leben des ehemaligen Hausbesitzers kommt in etlichen Schränken und Schubladen zu tage, in alten Fotos und in der Meissner Blumenvase auf der Fensterbank.

Wie werden die  Erinnerungen einmal an mich aussehen, wenn ich nicht mehr bin, das schießt mir durch den Kopf, wehrend ich den kleinen Sekretär vor meiner Nase näher betrachte.

Das hier, ist das in ihrem Sinne? Warum hat sie nur vorher nie festgelegt, wer was und warum geschenkt bekommen soll?! 

Wäre es nicht schön, jemanden aus der Familie  ein Erinnerungsstück zukommen zu lassen, das demjenigen auch wirklich etwas bedeuten würde?! "Schau, das hier, das ist von der Tante aus Dortmund"...ich fände es persönlich schön, zu wissen, wo Dinge bleiben, die mir mal etwas bedeuteten...

Aber dazu kenne ich die Familie viel zu wenig und vielleicht legt niemand hier Wert auf diese Art von Erinnerungen. Ich fühle mich nicht in der Verantwortung hierfür und bin froh darüber. Und gleichzeitig ein wenig traurig.

Es wird kaum noch im Sinne der alten Dame gehandelt werden, die längst schon ihr halbes Leben vergessen hat. Jetzt zählt nur noch der schnöde Mammon, damit die Erben die Scheinchen zählen können und das Haus so schnell wie möglich für neue Bewohner leer geräumt wird.

So gehe ich weiter durch das Haus, alles ist so, wie ich es vor etwa 25 Jahren das erste Mal gesehen habe. Es ist nie etwas verändert worden, selbst die alten Anziehsachen ihres verstorbenen Mannes hängen noch an einer Garderbobe. Er ist seit 15 Jahren tot, glaube ich.
Das Zimmer im oberen Stock ist immer noch so eingerichtet, als ob ihre Schwiegermutter dort  leben würde, die schon 30 Jahre tot ist. Die alte Dame schien nicht loslassen zu können und Veränderungen nicht zu mögen.

Tischdecken mit Spitzenrand kommen aus einer der Schubladen hervor, niemand kann mir mehr erzählen, woher etwas stammt und wie alt. Sie auch nicht. Ob das ein Teil ihrer Aussteuer war? Ein Hochzeitsgeschenk....?

Sie würde mich nicht mehr erkennen, auch meinen Mann und meine Kinder nicht. Sie lebt in ihrer eigenen Welt, in der Vergangenheit. Eigentlich hat hier nichts an Einrichtung wirklich Charme, finde ich, auch wenn mir der Gedanke gleich wieder Leid tut. Nicht mein Geschmack, ist vieleicht etwas netter formuliert. 

Die Dame hatte keine Kinder, wurde im Alter immer "eigenartig", das sagen auch böse Zungen im allgemeinen den Frauen ohne Kindern  nach, diese  würden im Alter "komisch" werden....

Der alte Schmuck aus der Schatulle ist lange schon auf der Bank, es könnte sich ja jemand einfach was nehmen, ja wenn es um Geld geht, traut niemand, niemandem  mehr. Was ist aber mit dem Wert einer Erinnerung, zählt die nicht?! ...

Eine Uralte Marienstatue soll zur entfernten Verwandtschaft nach Polen, daher kam sie auch ursprünglich. Ein schöner Gedanke, aber da schlägt die Sippschaft zu und hofft auf ein nützliches Zubrot via Ebay. Was sollte man dazu sagen?!..Ich hoffe, sie kann doch noch schnell per Paket ins Polenland fliehen...

Eigentlich will ich hier im Haus nicht sein, aber bevor alles einfach so verkauft wird, hätte ich schon gerne ein Erinnerungsstück von der Tante meines Mannes, das hört sich doch nach Tradition an, obwohl ich sie nicht wirklich kannte, nur als eine sehr gläubig katholische Frau.

Da starrt mich auch schon wieder einer der Heiligen vom Schrank aus finster an. Nein, Euch will ich sicher nicht mitnehmen.  

Und gehe weiter...

Ich möchte ja  nichts großartiges, nichts von wirklichen Wert.   Schau ,ob es was gibt, was sich für mich stimmig anfühlt, trotz des schlechten Gefühls, in einem fremden Leben herumzuwühlen. 

Ich öffne die Schlafzimmertüre und …kann nicht hineingehen. Mir wird heiß und ich schäme mich, denn ich finde, es steht mir nicht zu. Ich öffne im Nebenzimmer das Schränkchen und finde es bis oben voller Tischdecken in allen Größen.

Ein paar suche ich mir raus, alte bestickte, die ich mit der Tante in Verbindung bringen kann, auch später noch. Genauso in der Küche, ich verzichte auf das WMF Silberbesteck, was nichtssagend in einem Kasten vor sich hin thront, im Besteckkasten findet sich Besteck, was meine Blicke anzieht, reich verziert mit Blumen drauf. Echtes Silber? Ich denke eher nicht, es ist auch nicht wichtig. Es passt zu mir,es ist nicht vollzählig, dennoch suche ich mir die einzelnen Teile heraus.

Im Wohnzimmer kommt das Villeroy und Boch Geschirr zu tage. Bauernrose nennt es sich, aber ich kann damit nichts anfangen. Ein ganz zartes Weißes Service fällt mir auf und ich suche mir ein paar Sachen von dem zusammen. 

Ich stelle es auf den Tisch und mache einen Klebezettel daran, ich will nicht einfach nehmen, ohne davon in Kenntnis zu setzten aber es wäre schön, wenn ich es als Geschenk nehmen dürfte. 

Wieder gehe ich am kleinen Sekretär mit dem Chippendale Stuhl vorbei. Diesmal bleibe ich eine Weile stehen. Ich glaube, er würde zu mir passen . Die vielen kleinen Fächer, finde ich sehr schön. Jetzt ist er leer, damals waren die Fächer voll mit Postkarten und anderem Privaten Dingen, von dem ich nichts wissen will. 

Ja, das wäre es, mehr würde ich nicht haben wollen. Oder wäre das schon zu viel?! Ich bin unsicher. Ein Vermerk auf dem steht, " würde ich gerne haben, Grüße" ...und ich frage mich, was mich das wohl kostet....

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